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CfP

Tagung

Sozialgeschichte des Gesundheitswesens der DDR

Reflektionen über Organisation, Politik und Akteure in der sozialistischen Gesundheitsversorgung

Stuttgart, 09. Juli – 10. Juli 2018

 

In den vergangenen Jahren haben einige Autoren durch einschlägige Werke (Siehe z.B. Harsch 2012, 2013; Leo und König 2015; Linek 2016; Madarász-Lebenhagen 2013; Reinisch 2013) auch für das Gesundheitswesen der DDR eine neue Art der Sozialgeschichte erschlossen. Mit dem Fokus auf den Patienten nicht nur als Objekt, sondern auch als Akteur in der Staat-Arzt-Schwester-Patienten-Beziehung auf lokaler Verhandlungsebene haben nicht nur DDR Historiker neue Wege innerhalb der Geschichtsforschung eingeschlagen. Nach den 1990er und 2000er, die teilweise von parteiischen Auseinandersetzungen geprägt waren, ist diese Entwicklung in dem generellen Trend zu verorten, einen „Mittelweg“ zwischen apologetischen und verurteilenden Ansätzen zu finden.

Ein wichtiger Aspekt dieses Trends ist die Überwindung der starren, konstruierten Wendepunkte wie 1945, 1961, 1971 und 1989/90, welche zahlreiche Studien der Vergangenheit zugrunde lagen. Das Ziel der Tagung ist es, die DDR nicht als singuläres Phänomen zu untersuchen, sondern sie als Produkt von Traditionen, Kontinuitäten, Brüchen und Entwicklungen zu betrachten, die sich oftmals bis ins 19. Jahrhundert zurückdatieren lassen. Für die Medizingeschichte der DDR bedeutet dies, dass Mentalitäten, Konzepte, Gesetze und (medizinische als auch soziale) Behandlungspraktiken nicht nur Erfindungen des sozialistischen Staates nach 1945 waren, sondern im Gegenteil ein oftmals bewusster Rückgriff auf mehr oder weniger bewährte Ansätze der Vergangenheit darstellten. Dies gilt nicht nur für die staatliche Ebene, sondern findet sich auch im Lokalen wieder.

Daher soll bei der Tagung den folgenden Fragen nachgegangen werden:

  • Welche Erfahrungen haben Patienten innerhalb und außerhalb der Einrichtungen des Gesundheitswesens der DDR gemacht und waren diese spezifisch sozialistisch?
  • Haben die lokale Situation bzw. die Notwendigkeiten vor Ort die Umsetzung ideologischer, organisatorischer, rechtlicher und medizinischer Vorgaben, ob von deutscher oder sowjetischer Seite, limitiert?
  • Hat sich das Arzt-Schwester-Patienten-Verhältnis im Sinne des Sozialismus verändert, z. B. zu gleichberechtigter Partnerschaft, als ‚mündige, sozialistische Persönlichkeiten‘?
  • In wieweit konnten der einzelne Arzt, die Krankenschwester oder die Pflegekraft, welche die Entnazifizierung überstanden hatte, weiterhin ihre tradierten medizinischen und sozialen Ansichten in der alltäglichen Praxis anwenden?
  • Wie haben nichtärztliche medizinische Berufe sich in der Übergangsphase und während der Zeit der DDR behauptet?
  • Welchen Einfluss hatte diese personelle und ideelle Kontinuität, z. B. eugenischer Sichtweisen, auf die Behandlungen und Erfahrungen von Patienten in der Nachkriegszeit und darüber hinaus?
  • Wie haben sich die sprachlichen, rechtlichen, organisatorischen und medizinischen Konzepte des Deutschen Reiches, der Weimar Republik und des Dritten Reiches auf die Etablierung des sozialistischen Gesundheitswesens ausgewirkt?

Anhand solcher Leitfragen, die als Anregung zu verstehen sind, sollen neue, innovative und ggf. interdisziplinäre Ansätze vorgestellt und diskutiert werden, welche eine differenzierte und historisierende Perspektive auf das DDR Gesundheitswesen ermöglichen.

Folgende Themenschwerpunkte sind dabei denkbar:

  • Die Gesundheitspolitik zwischen Anspruch und Realität, zwischen Stadt und Land, zwischen den einzelnen Bezirken
  • (sozialistische) Krankheitskonzepte und ihre gesellschaftliche, kulturelle und medizinische Definitionen
  • (sozialistische) Behandlungsformen, medizinisch und sozial, innerhalb und außerhalb medizinischer Einrichtungen
  • Einrichtungen des Gesundheitswesens, wie Krankenhaus, Ambulatorium, Poliklinik und andere, und die damit verbundenen medizinischen und sozialen Konzepte
  • Nichtärztliche Gesundheitsberufe, wie Krankentransporteure, Pflegekräfte, oder Physiotherapeuten, und ihre Integration und Stellung im sozialistischen Gesundheitswesen
  • Medizinische Aufklärung und Präventionsstrategien in der DDR, mit Hilfe von Ausstellungen, Filmen, Postern (vor allem des Deutschen Hygiene Museums in Dresden, aber auch der DEFA)
  • Das Arzt-Schwester-Patienten-Verhältnis im Sozialismus
  • Die Ausarbeitung der sehr unterschiedlichen Selbst- und Fremdwahrnehmung von Patienten, im Verhältnis zwischen individueller Narrative und medizinischen Berichten
  • Die Darstellung des Patienten als Akteur, durch Eingaben, Einverständniserklärungen, Beschwerden, und andere aktive Handlungen

Andere, verwandte Themenstellungen sind willkommen.

Organisatorisches

Die Tagung findet vom 09. bis 10. Juli 2018 am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart statt.

Für jeden Beitrag sind 45 Minuten eingeplant, wobei max. 20 Minuten für den Vortrag zur Verfügung stehen und 25 Minuten für die Diskussion. Vor Beginn der Tagung werden die Abstracts zu den einzelnen Vorträgen an alle Teilnehmenden versandt, um eine bessere Vorbereitung zu ermöglichen. Für jeden Beitrag wird ausreichend Diskussionszeit zur Verfügung stehen. Unbedingt erforderlich ist die Anwesenheit aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer während der gesamten Tagung, um inhaltliche Bezüge zwischen den Beiträgen zu ermöglichen.

Weiterhin werden Experten aus dem Feld der DDR Geschichte eingeladen, welche die Diskussionen zu den einzelnen Beiträgen und dem Ziel der Tagung mit ihren Erkenntnissen und Sichtweisen ergänzen.

Die Teilnahme wird vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung finanziert, das schließt die Übernachtungen, gemeinsame Mahlzeiten und Bahnreisen 2. Klasse (in Ausnahmefällen günstige Flüge) ein. Kosten für eine Anreise per PKW können leider nicht erstattet werden.

Anmeldung

Vorschläge für Beiträge in Form eines kurzen Abstracts (max. 300 Wörter), aus dem Titel, Fragestellung, Methoden und verwendete Quellen sowie mögliche Thesen/Ergebnisse hervorgehen, senden Sie bitte zusammen mit einem kurzen CV (ca. 10 Zeilen)

bis zum 30. April 2018 per Post an

Markus Wahl, Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Straußweg 17, D-70184 Stuttgart

oder per E-Mail an markus.wahl@igm-bosch.de.